Netzwerk behinderter Frauen Berlin e.V.

Aufklärungskampagne "Recht auf Elternassistenz"


Ein Interview

Anna Loewe, spastisch gelähmte Mutter von zwei Töchtern

"Ich wollte schon immer Kinder haben", erzählt Anna Loewe (Name von der Redaktion geändert), "mir fehlte nur der passende Mann dazu. Den habe ich aber inzwischen gefunden und jetzt sind auch die Kinder da: Zwei Töchter, genau gesagt, die eine ist vier Jahre alt, die andere wird bald zwei."
Das Ehepaar war, was den Nachwuchs anbelangt, eines Sinnes. Es wurden keine Untersuchungen außer den routinemäßigen vorgenommen, denn "ein behindertes Kind wäre uns genauso lieb gewesen wie ein nicht behindertes."
Frau Loewe wurde 1966 ohne Behinderung geboren, die stellte sich als rechtsseitige Hemispastik mit Blasenfunktionsstörung erst später ein, "vermutlich durch eine Mehrfachimpfung". Genaueres ließ sich nicht herausfinden. Ihr Mann, eineinhalb Jahre jünger als sie, hat keine Behinderung. Beide sind berufstätig - sie als Umweltingenieurin im öffentlichen Dienst, er bei einer Werksfeuerwehr. Und beide kümmern sich um die Kinder. Deshalb haben alle zwei ihr Recht auf Elternzeit in die Tat umgesetzt. Herr Loewe reduzierte sein Arbeitspensum auf 80 Prozent, was nicht einfach war und ihm Ärger mit den Kollegen wie mit den Chefs einbrachte. Frau Loewe ist zwei Tage in der Woche, die sie nach dem Schichtplan ihres Mannes einteilen kann, beschäftigt.

Gerade die Monate direkt nach der Geburt waren für sie höchst anstrengend: "Ich habe ja sowieso immer Schwierigkeiten, längere Zeit zu stehen, ohne mich festzuhalten. Besonders im Winter steigern sich die Gleichgewichtsprobleme wegen des glatten Bodens. Allerdings habe ich eher Einschränkungen in der Lauffähigkeit als beim Gebrauch der rechten Hand, die kann ich ganz gut mit der linken kompensieren - beim Tragen der Kinder, beim Anziehen und Schuhe zubinden, beim Wickeln."
Die ärgsten Belastungen konnte das Ehepaar Loewe während der Schwangerschaft durch eine von der Krankenkasse bezahlte Haushaltshilfe auffangen, die rund fünf Wochen vor der Geburt der Kinder tätig wurde. "Vor allem bei der zweiten Schwangerschaft war ich ziemlich mobilitätseingeschränkt und habe mich richtig gequält", erinnert sich Frau Loewe: "Mir war bis zum 3. Monat stets hundeübel, und durch das häufige Erbrechen wurden so starke Spasmen ausgelöst, dass ich mich kaum noch bewegen konnte. Da war meine ältere Tochter manchmal wirklich sehr allein gelassen."

An eine professionelle Elternassistenz hatte das Ehepaar zwar gedacht, sich jedoch keine Chancen ausgerechnet, dafür tatsächlich einen finanziellen Zuschuss zu erhalten. Deswegen engagierten sie eine "multifunktionale Haushaltshilfe", die bis heute in diversen Bereichen des Alltags - sei es Bohren, Bügeln, Kochen, Putzen, Kinder betreuen - mitwirkt. Sie wohnt in unmittelbarer Nähe, ist zeitlich flexibel und regelmäßig im Schnitt fünf Stunden pro Woche sowie bei Bedarf spontan "auf Zuruf" im Einsatz. Die Kosten hierfür begleichen Loewes aus eigener Tasche.

Auch das weitere Umfeld haben sie mit Bedacht aufgebaut. Zusammen mit einem befreundeten Ehepaar kauften sie ein Doppelhaus am Rand einer westdeutschen Landeshauptstadt, in dem Keller und Garten gemeinsam genutzt werden.
Die Nachbarn, die selbst ein vierjähriges Mädchen haben, "unterstützen mich bei kleinen Handgriffen, die mir sehr schwer fallen, wenn mein Mann nicht da ist." Und bieten überdies stets die Möglichkeit an, bei ihnen eine der Loewe-Töchter kurzfristig und sicher unterzubringen. Ferner ist der zuverlässig hilfsbereite Freundes- und Bekanntenkreis "für uns ein wichtiges Element zur Gestaltung unseres Lebens als Eltern", sagt Frau Loewe. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass sie ihre Wünsche nach Hilfe und Beistand deutlich artikulieren muss, "denn wenn es mir gut geht, sehen die Leute nicht unbedingt, dass ich behindert bin. Wenn sie hingegen wissen, dass es in meiner Verfassung bessere und schlechtere Tage gibt, können sie ohne viel Brimborium auf meine Bedürfnisse reagieren." So findet sich etwa im Kindergarten immer gleich jemand, der ihre ältere Tochter heimfährt, wenn Frau Loewe dazu gerade nicht imstande ist und ihr Mann arbeitet.

Auf diese Art haben sich die verschiedenen Notwendigkeiten sinnvoll regeln lassen. Wenn aber die Elternzeit für Herrn Loewe nach sechs Jahren mit reduziertem Pensum endet, werden die Karten neu gemischt. "Im Grunde könnte ich Hilfe bei den Haushaltstätigkeiten an den Tagen gebrauchen, an denen mein Mann draußen die Brötchen verdient", schildert Frau Loewe ihre Situation. Bisher war sie dank seines Schichtsystems und der flexiblen Assistentin lediglich an zwei Tagen pro Woche allein mit den Kindern. "Eine wesentliche Erleichterung", ergänzt sie, "wäre auch ein Auto mit vier Türen." Ihr jetziges hat nämlich bloß zwei Türen, wodurch sie die Kinder kaum auf die Rückbank heben und anschnallen kann - und auf einen Fahrdienst oder Freunde angewiesen ist. Ein diesbezüglicher Finanzierungsantrag wurde jedoch abgelehnt, insofern wird das Elternpaar die entsprechende Kaufsumme selbst aufzutreiben versuchen.

Die Kinder wachsen, die Probleme indes werden nicht kleiner, nur anders. "Manchmal denke ich", erzählt Frau Loewe von ihren strategisch-logistischen Konzepten, die sie nach den wechselnden Anforderungen mitunter täglich zu ändern gezwungen ist, "dass wir als behinderte Eltern eigentlich einen Preis für Lebensorganisation bekommen müssten. "

(Aufgeschrieben von Irene Bazinger)

Page maintained by  webmaster@netzwerk-artikel-3.de , Copyright(c): Netzwerk behinderter Frauen Berlin e.V.; erstellt: 07.12.2005   
aktualisiert:
  am  Freitag, 09.12.2005, 05.45

      [ drucken ] 
        [ nach oben ]