Netzwerk behinderter Frauen Berlin e.V.

Aufklärungskampagne "Recht auf Elternassistenz"


Ein Interview

Dagmar Müller, blinde Mutter von zweijährigen Zwillingssöhnen

Eigentlich ist bei Dagmar Müller (Name von der Redaktion geändert) am Vormittag eines beliebigen Werktages zu Hause alles so wie in hunderttausend Familien auf der ganzen Welt auch:
Ihr Mann ist morgens zur Arbeit gefahren und hat vorher die zweijährigen Zwillingssöhne in die Kindertagesstätte gebracht. Sie selbst nimmt ihre berufliche Tätigkeit später auf. Als gelernte Bürokauffrau hat sie nach der Babypause seit Kurzem eine Halbtagsstelle in der Dienstleistungsbranche.
Die blitzblanken Fensterscheiben geben den Blick in den ordentlichen, munter grünenden Garten frei. Der öffentliche Bus, mit dem sie den nahe gelegenen S-Bahnhof in einem der Außenbezirke Berlins erreicht, ist gerade vorbeigeschaukelt. Frau Müller hat ihn vielleicht gehört, jedoch sicher nicht gesehen. Und insofern ist es bei ihr daheim erheblich anders. Denn sie ist seit dem 9. Lebensjahr blind - wie ihr Vater. Er ist mit einer nicht behinderten Frau verheiratet, und als sich die beiden ein Kind wünschten, teilten ihnen die Ärzte mit, dass sich seine Krankheit nicht vererben würde.
Diese Prognose erwies sich aber als falsch. Die Tochter nun, 1982 geboren, kommt mit ihrer Behinderung längst gut zurecht. Sie könnte im Allgemeinen alleine leben. Allerdings unterstützt sie die Verwandtschaft - obwohl nicht in unmittelbarer Nähe wohnhaft - stets, wenn es um Dinge wie größere Einkäufe, Behördengänge oder besondere Erledigungen geht. Den Rest ihres Alltags bewältigt die aparte junge Frau eigenständig.

Auch nachdem sie völlig erblindete, hat Frau Müller mit Freuden gelebt und sich nicht in ihren Zukunftsträumen beirren lassen. So bewegt sie sich gern und hat Schwimmen als Leistungssport betrieben. Beim Schilaufen in Österreich lernte sie ihren Ehemann, einen Informatiker, kennen. Als sich die beiden vorsorglich um ärztlichen Rat kümmerten, erfuhren sie, dass sich Frau Müllers Krankheit - ihr Gatte ist, wie ehedem ihre Mutter, nicht behindert - mit einer inzwischen auf fünfzig Prozent geschätzten Wahrscheinlichkeit vererben würde. Sie haben lange hin und her überlegt und sich schließlich, vermutlich bewusster als viele andere Eltern, für eigene Kinder entschieden.
» Es sind wirklich Wunschkinder «, sagt Dagmar Müller. Sie wurden sehnlichst erwartet, doch nicht so sehr, wie sie dann kamen: Drei Monate vor dem errechneten Termin. Aber sie entwickeln sich prächtig und holen die Schwächungen der frühen Geburt zügig auf.
Dagmar Müller überlegt sich schon die künftige Raumaufteilung in dem rund 100 Quadratmeter großen, ebenerdigen Einfamilienhaus. Ihre Eltern haben es bezogen, als sie etwa zehn Jahre alt war, und vor vier Jahren der mittlerweile verheirateten Tochter überlassen. Die kennt darin deshalb jeden Winkel. Bisher teilen sich die Zwillinge ein Zimmer. Wenn sie älter werden, wird eventuell das Dachgeschoss ausgebaut, damit jeder seinen Rückzugsbereich hat.

Wie sie Familie und Beruf unter einen Hut packen kann, weiß sie noch nicht, dafür war die Zeit bisher zu kurz. Indes hat sie keine Bange, dass sich dieses Problemfeld im Zusammenwirken aller privaten Kräfte auch weiterhin sinnvoll beackern lassen wird. So viel wie möglich hilft ihr Mann im Haushalt und mit den Kindern. Als sie im letzten Urlaub an der Ostsee waren, freuten sie sich freilich über die Gelegenheit, den Nachwuchs für ein paar Stunden in einer Spielecke unterbringen zu können. Während die Kleinen dort betreut wurden, hatten die Eltern mal wieder Zeit für sich selbst und für einander. Denn einen Zuwachs an Belastung bedeuten die Zwillinge natürlich durchaus. Den Großteil davon trägt Dagmar Müller, da sie einfach mehr im Haus und bei ihnen ist.

Mit der Inanspruchnahme einer professionellen Assistenz hat sie sich trotzdem noch nicht ernsthaft beschäftigt, weil die Verwandtschaft verlässlich zur Verfügung steht und weil sie die Situation selbst meistern kann. Doch wenn sich diese Rahmenbedingungen einmal ändern sollten, würde sie neu über fremde Hilfsangebote nachdenken. Zweifellos könnte sie bereits jetzt - um die Familienmitglieder nicht zu oft zu bemühen - jemanden gebrauchen, die oder der ihr zum Beispiel beim Putzen beistünde, wenn ihr Sehvermögen ihrem Reinlichkeitsbedürfnis Grenzen setzt.
Oder bei manchen komplizierten Amtswegen, bei denen ihr unumwunden Zimmernummern genannt werden, obwohl sie diese nicht erkennen kann. Oder damit sich ihr Mann, weil die "Frühchen" öfter ärztlich untersucht werden als Neunmonatskinder, nicht immer frei nehmen muss, um seiner Frau in den Krankenhausfluren und Warteräumen beizustehen. Konkrete Maßnahmen, um eine solche Assistenz zu erhalten, hat Dagmar Müller allerdings nicht eingeleitet. Die Angst vor amtlicher Bevormundung, vor institutioneller Einmischung und vor dem bürokratischen Hürdenweg ist zu stark. Zumal sie ja keine Unterstützung bei der Erziehung der Kinder benötigt, sondern bei bestimmten alltäglichen Verrichtungen, die durch ihre Behinderung erschwert werden. Insofern wäre der Umfang der von ihr benötigten Assistenzleistungen bescheiden. Wenn, dann sollte es am besten eine einzige Person sein, die sie bei Bedarf in ihren Tagesablauf integrieren könnte, und nicht alle drei Wochen eine andere, die sie erst neu einweisen müsste. Denn auch wenn Dagmar Müller nicht sehen kann, wie die Verkehrslage auf einer Straße ist, weiß sie doch sehr genau selbst, ob sie diese überqueren will oder nicht.

(Aufgeschrieben von Irene Bazinger)

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  am  Samstag, 17.12.2005, 06.41

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