Netzwerk behinderter Frauen Berlin e.V.

Aufklärungskampagne "Recht auf Elternassistenz"


Ein Interview

Elena Friedrich, schwerhörige Mutter einer 7-jährigen Tochter

Gut, dass wir uns hier in diesem Beratungsraum treffen, in dem man den Verkehrslärm nicht mitkriegt und keine anderen Menschen plaudern und keine Kaffeemaschine im Hintergrund blubbert. Denn unter solchen Umständen verstehe ich nicht mehr, was eine andere Person zu mir sagt. Ich habe eine starke Gehöreinschränkung. Wahrscheinlich hat es nach einer Kinderkrankheit angefangen, ich hatte zum Beispiel Masern, und die Ärzte haben später gesagt, da kann so etwas manchmal zurückbleiben. Aber damals hat es niemand bemerkt. Seit zwei Jahren benutze ich digitale Hörgeräte, die aber meine Behinderung nicht ausgleichen.

Ich heiße Elena Friedrich (Name von der Redaktion geändert) und komme aus Russland. Meine Familie und ich sind Spätaussiedler und vor ein paar Jahren nach Deutschland ausgewandert. Zuerst haben wir in einem Lager gewohnt, 7 Leute in einem Zimmer von höchstens 20 Quadratmetern. Das war nicht leicht. Mein Mann war dadurch sehr nervös und gereizt. Das hat sich auch auf unsere Beziehung niedergeschlagen.
Heute leben wir getrennt. Ich bin mit meiner Tochter Alexandra, die noch in Russland geboren wurde, in eine größere Stadt gezogen. Wir wohnen in einer ausgedehnten Neubausiedlung.
Alexandra ist 7 Jahre alt, ich bin 28. Ich bin sehr froh, dass ich sie habe.
Obwohl ich ja zunehmend weniger höre, haben mich wahrscheinlich mütterliche Instinkte geleitet, Alexandra zu "hören", selbst in der Nacht, als ich sie nicht einmal sehen konnte. Ihr Bett stand neben meinem, und wenn sie weinte oder Angst hatte, bin ich gleich aufgewacht. Aber nach der Geburt ist mein Gehör trotzdem eindeutig schlechter geworden. Niemand hat mir geglaubt, dass ich so wenig höre, selbst mein Mann nicht. Es ist ja nicht so, dass ich gar nichts über die Ohren wahrnehmen kann, aber immer weniger hohe Töne, leise Stimmen, und sobald sich ein ständiger Geräuschteppich in den akustischen Vordergrund drängt.
Wenn ich mit Alexandra auf der Straße gehe, sage ich immer zu ihr, du musst dir jetzt alles genau merken, was du wissen willst, und mich dann später fragen. Denn zwischen den Autos und den vielen Leuten verstehe ich sie einfach nicht. Das ist manchmal nicht einfach für sie, weil sie sehr interessiert ist an den Dingen und überhaupt ziemlich kommunikativ. Sie spricht sehr gut deutsch und ist auch in der Schule gut. Zu Hause reden wir meist auf Russisch, damit sie diese Sprache nicht verlernt. Inzwischen kann ich mich jedoch auch einigermaßen auf Deutsch verständigen. In Russland war ich Lehrerin. Mein Diplom wurde in Deutschland allerdings nicht anerkannt. Ich habe hier eine Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht. Aber jetzt bin ich arbeitslos.

Ich habe im Internet recherchiert, ob es noch andere Menschen wie mich gibt, die ein Kind haben und behindert sind. Mein Gott, es sind ja viele, und sie haben es nicht leicht. Bei mir geht es inzwischen halbwegs, Alexandra ist wohl auch aus dem Gröbsten heraus. Aber manchmal wünsche ich mir schon, dass mir jemand helfen könnte, zum Beispiel wenn ich in die Schule muss, um mit einem der Lehrer zu sprechen. Wenn die Zeit knapp ist, sprechen sie nämlich sehr schnell, hin und wieder auch einfach im Schulhof während der Pause, und da verstehe ich oft wirklich nur einen Bruchteil. Oder bei Ärzten, und früher im Kindergarten! Wenn die akustischen Umstände für mich nicht günstig sind, werde ich unsicher, vergesse deutsche Worte, die mir sonst keine Schwierigkeiten bereiten, und kann mich selbst plötzlich nur schwer ausdrücken. Das geschieht meist auf Ämtern, wenn der Beamte mich beim Sprechen nicht ansieht, den Kopf hinter einem Aktenordner verbirgt. Ich stelle dann in meiner Not die Fragen so, dass die Antwort nur "ja" oder "nein" lauten kann - was natürlich oft zu wenige Aspekte abdeckt und mir nicht alle Informationen verschafft, die ich benötige. Außerdem haben die Beamten kaum Zeit und ich muss mich mit meinen Problemen, an denen sie selten besonders interessiert wirken, beeilen. Auch bei Schulausflügen, wenn ich Alexandra begleite, kann ich mit ihr nicht so kommunizieren, wie ich es gerne möchte und wie es für sie leichter wäre - sie muss immer warten, bis die räumliche Situation so ist, dass ich ihre Worte hören kann.

Die Prognosen über meine Hörfähigkeit sind schlecht. Ich merke auch, dass ich von Jahr zu Jahr weniger höre; ich fühle mich sehr allein. Den Kontakt zu meiner Tochter will ich dadurch aber auf keinen Fall beeinträchtigt wissen. Sie soll von mir die Aufmerksamkeit bekommen, die sie braucht. Und deshalb wünsche ich mir wirklich eine Assistenz mit deutscher Muttersprache. Diese Person könnte mit uns in die Ämter, in die Schule, zu Ausflügen und zu Ärzten gehen. Sie könnte in diesen Fällen für mich sprechen, hören, übersetzen - und schneller reagieren, als es mir unter dem Stress des erschwerten Verstehens möglich ist.
Ich werde außerdem versuchen, die Gebärdensprache zu lernen, aber wenn meine Ansprechpartner die nicht beherrschen, nützt sie mir leider gar nichts.

(Aufgeschrieben von Irene Bazinger)

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aktualisiert:
  am  Donnerstag, 03.11.2005, 05.11

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