Netzwerk behinderter Frauen Berlin e.V.

Aufklärungskampagne "Recht auf Elternassistenz"


Ein Interview

mit Frau E., blinde Mutter eines 10-monatigen Säuglings

Frau E. ist vollblind. Sie kommt in ihrer Wohnung sehr gut zurecht und nutzt außerhalb einen Langstock. Als sie schwanger wurde, lebte sie bei ihren Eltern, die von der Schwangerschaft nicht begeistert waren. So musste sie sich hochschwanger eine eigene Wohnung suchen und sich in ihrem neuen Wohnumfeld erst einmal zurechtfinden. Einkaufen, Saubermachen, Arzt- und Behördengänge waren nicht nur aufgrund der Blindheit erschwert, auch ihr zunehmender Bauchumfang machte es schwer, sich in der neuen Umgebung unbefangen zu orientieren.

In dieser Zeit suchte sie bereits die Hilfe bei Ämtern, da sie nur schwer eine geeignete Wohnung fand. Weil das zuständige Jugendamt aber keine andere Hilfe anbot, als eine stationäre Heimeinrichtung für Mutter und Kind vorzuschlagen, nahm sie das Hilfsangebot einer Freundin an. Diese sehende Freundin zog nach der Geburt des Kindes erst einmal zu Frau E. Als sich der Säugling im Alter von drei Wochen einmal beim Füttern verschluckte und übergab, gingen beide Frauen mit dem Kind in die Kinderklinik. Dort beruhigte man beide und empfahl zur Sicherheit eine zweitägige Beobachtung in der Klinik. Dem Kind ging es gut, eine Entlassung war möglich.

Die Assistenz durch die Freundin war nur vorübergehend möglich, so fragte Frau E. beim zuständigen Jugendamt nach anderen Unterstützungsmöglichkeiten. Wieder kam von dieser Seite nur der Hinweis, sie solle sich um Hilfe rund um die Uhr kümmern, da sie nicht allein mit dem Kind wohnen könne - was der Vorfall mit dem Erbrechen gezeigt habe. Außerdem könne sie sich noch immer nicht allein in ihrer Umgebung zurechtfinden und damit nicht ausreichend für ihr Kind Sorge tragen.

In dieser Zeit suchte eine Mitarbeiterin des Jugendamtes Rat beim Bundesverband behinderter Eltern (bbe e.V.). Mögliche Unterstützungsformen von Mobilitätstraining über Haushaltshilfe bis hin zu Assistenz bei Spaziergängen und Besorgungen außerhalb der Wohnung wurden besprochen. Ein vom bbe e.V. vorgeschlagenes Hilfeplanverfahren wurde vom Jugendamt als momentan nicht möglich verworfen. Weil die Großmutter des Säuglings inzwischen in der Wohnung der jungen Mutter lebte, bestand nach Aussagen der Mitarbeiterin des Jugendamtes kein Hilfebedarf mehr.
Frau E. versuchte in den nächsten Monaten, sich mehr und mehr ohne Hilfe in ihrer Umgebung zurechtzufinden. Sie beantragte ein Mobilitätstrainung. Die Unterstützung durch ihre Mutter brachte ihr neben der vielen Hilfen aber auch die Gefahr, dass sie ihre eigenen Erziehungskompetenz nicht ausbilden konnte. Als das Kind sechs Monate alt war, zog die Großmutter wieder aus. Frau E. zog zum Kindesvater, der ebenfalls blind ist. Nun musste sie mit ihrem Mobilitätstrainung wieder von Neuem beginnen.
Als die junge Mutter sich nun hilfesuchend an das Jugendamt wandte, wurde ihr eine freiwillige Unterbringung des Kindes in einer Bereitschaftspflegestelle nahegelegt. Man warnte sie davor, das Gericht einzuschalten, da sie sonst befürchten müsse, das Sorgerecht zu verlieren. Aus Angst willigte sie ein und verhielt sich vier Wochen lang ruhig. Sie hatte die Hoffnung, dass das Jugendamt in ihrem Sinn tätig wird. Nach kurzer Zeit war ihr jedoch klar, dass dies nicht der Fall war. Nach Aussagen der Jugendamtsmitarbeiterin könne sie erst mit einer Rückführung des Kindes rechnen, wenn sie 24 Stunden Hilfe hätte. Darum solle sie sich jetzt vorrangig kümmern. Bis dahin sollte sie ihr Kind nur zweimal wöchentlich für 1,5 Stunden unter Aufsicht in einem Begegnungsraum des Jugendamtes sehen. Der Aufenthaltsort des Kindes wurde ihr nicht bekanntgegeben.

Zu diesem Zeitpunkt suchte Frau E. Hilfe beim bbe e.V.. Ein sofort eingeschalteter Anwalt sah genau wie die Mutter die Gefahr der Entfremdung, da die Fremdelphase des Kindes kurz bevor stand. Der Anwalt konnte kurzfristig erreichen, dass Mutter, Vater und Kind sich wieder öfter sehen konnten. Auch die Pflegestelle wurde nun bekanntgegeben. Nach weiteren Wochen wurde ein regelmäßiger Aufenthalt des Kindes in der elterlichen Wohnung erlaubt. Jetzt konnte Frau E. auch lernen, den Sohn selbst zu füttern und ihn wieder selbst wickeln. In der fremden Umgebung bei der Pflegemutter oder in dem Begegnungsraum war ihr das aufgrund der Blindheit nur bedingt möglich, weshalb sie auf die Mitarbeiter/innen oft einen hilflosen und desinteressierten Eindruck gemacht haben könnte.

Eine Rückführung des Kindes in den Haushalt der Mutter wurde zum Zeitpunkt des Hilfeplangesprächs (das Kind war jetzt 7,5 Monate alt) noch immer von vielen Bedingungen abhängig gemacht:

Als das Kind 9,5 Monate alt war, hat wieder ein Hilfeplangespräch mit allen Beteiligten stattgefunden. Sowohl die Trainer vom Lebenspraktischen Training als auch die Bereitschaftspflegemutter zeigten sich überzeugt davon, dass Frau E. in der Lage ist, ihren Sohn gut zu versorgen und die Wohnung sauber zu halten. Um das Mobilitätstraining absolvieren zu können und sich mit dem Sohn auch außerhalb der Wohnung aufhalten zu können, braucht Frau E. für die nächsten Monate für ca. sechs Stunden täglich eine Elternassistenz, die zu ihr in die Wohnung kommt. Verabredet wurde, dass vier Wochen später die Rückgewöhnung angebahnt werden sollte. Um die erforderliche Unterstützung im familiären Wohnumfeld sollte sich die zuständige Mitarbeiterin des Jugendamtes kümmern.
Zwei Wochen vor dem vereinbarten Termin hatte die junge Mutter noch immer keinerlei Zusage, ob das Kind wie geplant zu ihr zurückkommen kann. Frau E., ihr Anwalt, ein Sozialarbeiter und eine Beraterin haben mehrmals Kontakt zur Mitarbeiterin des Jugendamtes aufgenommen und wurden vertröstet. Eine spezielle Hilfe müsse gut geprüft werden, das würde seine Zeit dauern, die Mutter müsse eben Geduld haben.
Daraufhin baten Frau E. und die bbe-Beraterin das Büro des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen um Unterstützung. Nachdem von dort eine Bitte um Stellungnahme beim Jugendamt einging, war innerhalb von drei Tagen plötzlich alles klar, die Bedenken waren ausgeräumt, ein Termin für die Wiedereingewöhnung vereinbart.

Frau E. ist inzwischen (Ende 2005) sehr wütend über den Umgang mit ihr und dem Kind und hat keinerlei Verständnis und auch keine Geduld mehr. Sie kann nicht verstehen, warum sie nicht die erforderliche Unterstützung von ca. 800 Euro monatlich für ca. ein halbes Jahr für eine Tagesmutter erhält, wenn das zuständige Amt in den letzten vier Monaten ohne Zögern monatlich rund 3000 Euro für Bereitschaftspflege und 1500 Euro für sozialpädagogische Familienhilfe ausgegeben hat. Die Tagesmutter erhält jetzt rund 300 Euro monatlich für wöchentlich 40 Stunden Kinderbetreuung im Haushalt der Mutter. Sie beschwerte sich schon vor Arbeitsantritt über die geringe Bezahlung und Frau E. ist gespannt, wie lange sie die Tagesmutter motivieren kann, für diesen Betrag zu arbeiten.

Nach ihrem Wunsch befragt, sagt Frau E.: "Die Hilfe hätte viel früher organisiert werden müssen, für die Barzahlung der Tagesmutter stelle ich mir ein angemessenes Gehalt vor."


(Aufgeschrieben von Kerstin Blochberger)


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aktualisiert:
  am  Samstag, 17.12.2005, 07.16

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