Netzwerk behinderter Frauen Berlin e.V.

Aufklärungskampagne "Recht auf Elternassistenz"


Ein Interview

Gabi Folkner, rollstuhlfahrende Mutter von drei Kindern

Ich heiße Gabi Folkner (Name von der Redaktion geändert), bin jetzt 51 Jahre alt und meine Kinder sind inzwischen erwachsen. Ich lebe 24 Stunden am Tag mit Assistenz und wohne mit meinen beiden Söhnen und einem Hund in einem ebenerdigen Haus.

Als ich 35-jährig den Unfall hatte, waren meine Kinder zwei, vier und sechs Jahre alt. Das war 1989. Seitdem bin ich hoch querschnittgelähmt, zur Fortbewegung auf einen Rollstuhl angewiesen und habe auch starke Einschränkungen in den Händen und Armen. Vorher habe ich stundenweise freiberuflich im therapeutischen Bereich gearbeitet. Seit dem Unfall beziehe ich Rente. Zunächst war ich sechs Monate lang in der Klinik. In dieser Zeit war meine Mutter bei uns und hat mit meinem Mann und Leuten aus dem Freundeskreis die Kinder versorgt. Die ganze Zeit fragte ich mich, wie es weitergehen soll: "Wer wird meine Hände und meine Beine ersetzen?"

Als ich wieder nach Hause kam, brauchte ich rund um die Uhr Assistenz. Da wir damals noch finanzielle Mittel hatten, mussten wir die Assistenz größtenteils selber bezahlen. Ich habe versucht, Hilfe zur Versorgung der Kinder durch das Sozialamt und die Krankenkasse zu erhalten. Aber bis auf Zuschüsse für Hilfen in den Ferien habe ich nie etwas bekommen.

Also musste ich von meiner Assistenz etwas "abzweigen". Morgens musste der Jüngste geduscht und gewickelt werden, alle wollten frühstücken, der Mittlere musste zum zehn Kilometer entfernten Kindergarten gebracht werden, für die Älteste galt es, Schulbrote vorzubereiten. Das wirkte sich auch auf die Auswahl meiner Assistenzpersonen aus: Er oder sie musste nicht nur zu mir passen, sondern auch gut mit Kindern umgehen können und sehr belastbar sein.

Drei Jahre nach dem Unfall ging meine Ehe auseinander und ich war alleine mit drei Kindern und einer hohen Querschnittlähmung. Wir zogen aus dem gemeinsamen Haus in ein ebenerdiges Haus. Das Jugendamt war ein Schreckgespenst für mich, denn ich befürchtete, das Sorgerecht für die Kinder zu verlieren. Ich hatte Glück: Nach der Trennung kam eine Frau vom Jugendamt, schaute den Kindern und mir einen halben Tag lang zu, und es war o.k. Die Angst ist aber geblieben, und ich habe nie gewagt, Hilfen beim Jugendamt zu beantragen.

Als die Eigenmittel aufgebraucht waren, wurde die notwendige Assistenz für mich durch Pflegekasse und Sozialamt finanziert. Nach wie vor musste ich von meiner Versorgung etwas abgeben, um den Alltag mit den Kindern bewältigen zu können. Das war manchmal sehr viel für die Assistenzkräfte, aber auch anstrengend für die Kinder: Sie haben zwar viele verschiedene Menschen kennengelernt, aber sie mussten auch dauernd neue Leute dicht an sich ranlassen, denn die Assistenzkräfte halfen beim Baden, beim Zähneputzen, bei der ganzen Körperpflege. Es war schwierig für die Kinder, sich immer wieder auf neue Menschen einlassen und sich dann auch wieder lösen zu müssen. Mein jüngster Sohn sagte einmal: "Ich habe die Nase voll davon, ständig Abschied nehmen zu müssen!"

Ich bin häufig an meine Grenzen gekommen. Aber die Kinder sind der Motor meines Lebens. Sie sind mit der Situation sehr selbstverständlich umgegangen, haben an das Lego-Auto eine Rampe gebaut und ein Brett an den Sandkasten gelegt, damit ich dabei sein konnte. Wir haben alles gemacht, sind zum Schwimmen gegangen und haben Drachen steigen lassen. Auch heute sagen die Kinder rückblickend, sie hätten nichts vermisst und es sehr genossen, dass ich immer Zeit für sie hatte.

Probleme gab es in Krisenzeiten, wenn ich beispielsweise ins Krankenhaus musste. Dann wurden die Kinder auf den Freundeskreis aufgeteilt. Ein Anspruch auf Elternassistenz hätte vieles erleichtert. Ich hätte mir gewünscht, von einer konstanten Person meiner Wahl im Alltag mit den Kindern unterstützt zu werden. Diese Person hätte nicht die Erziehung übernehmen sollen, sondern das kompensieren, was ich aufgrund der Behinderung nicht selber kann.

(Aufgeschrieben von Sigrid Arnade)

Page maintained by  webmaster@netzwerk-artikel-3.de , Copyright(c): Netzwerk behinderter Frauen Berlin e.V.; erstellt: 11.11.2005   
aktualisiert:
  am  Freitag, 11.11.2005, 16.11

      [ drucken ] 
        [ nach oben ]