Netzwerk behinderter Frauen Berlin e.V.

Aufklärungskampagne "Recht auf Elternassistenz"


Ein Interview

mit Steffi K., drogenerfahrene Mutter eines 5-jährigen Sohnes

(Name von der Redaktion geändert)

Nachdem ich mehr als 10 Jahre harte Drogen genommen habe, bin ich mit Anfang 30 in einem Methadon-Programm substituiert worden. Wenige Monate später wurde ich schwanger und entschied mich für das Kind. Ich habe mir große Sorgen gemacht, aber das Kind wollte ich unbedingt. Ich versuchte herauszubekommen, welche Auswirkungen die Einnahme von Methadon auf die Entwicklung des Kindes haben wird, doch die medizinischen Betreuer im Programm konnten mir keine Antwort geben. So wendete ich mich an eine Frauenärztin einer Uniklinik. Sie empfahl mir, weiter im Programm zu bleiben. Das Neugeborene müsste dann intensiv betreut werden, damit der Entzug begleitet werden kann. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, da mir klar war, dass ich durch meinen Drogenkonsum dem Kind große Schmerzen zugefügt habe. Mir war bewusst, dass ich mich nur um mein Kind kümmern konnte, wenn ich clean werden würde. Zu diesem Zeitpunkt war ich aber nicht in der Lage, an einen Entzug und eine Therapie zu denken. Die Angst, man würde mir dann das Baby wegnehmen, war viel stärker. Ich wollte es so schaffen. Der Vater meines Sohnes wollte sich zwar um das Kind kümmern, aber wir waren kein Paar.

Im Methadon-Programm waren noch andere Schwangere, aber es wurde nicht mit dem Thema gearbeitet. Wenn ich bezüglich meines Sohnes Probleme oder Fragen hatte, konnte ich mich nur an meine Therapeutin oder den Kinderarzt wenden. Kontakt zu meiner eigenen Familie hatte ich wenig, erst durch den Kleinen baute sich wieder etwas auf. Aber die Familie war weit weg und konnte mich nicht unterstützen. So ging ich wenige Wochen nach der Geburt täglich los, um meine Methadon-Ration abzuholen.

Als mein Sohn 1 Jahr alt war, traute ich mir den Entzug und die Therapie zu. Da ich mich aber nicht von meinen Kind trennen wollte, war das sehr schwierig. Eine Beraterin musste lange suchen, bis sie für uns eine Klinik fand, die den Entzug mit Unterbringung des Kindes durchführt. Auch eine stationäre Drogentherapieklinik fand sich nach einiger Suche und 6 Wochen nach Beantragung bekam ich eine Zusage, dass ich mit meinem Sohn dort aufgenommen werden kann.

Die ersten Wochen waren hart, aber ich fühlte mich bald besser und wusste, wofür ich alles durchstehen musste. Ich wollte für mein Kind da sein, das ging langfristig nur, wenn ich es schaffen würde, clean zu bleiben. Die Klinik bot auch Gruppen für die Eltern an, um über unseren Umgang mit den Kindern und die Auswirkungen der Sucht auf das Familienleben zu sprechen. Während der Therapiesitzungen betreuten wir Mütter und die einzelnen Väter die Kinder im Wechsel. Die Klinik nahm auf unsere Situation viel Rücksicht, so gelang es uns, trotz Therapie die Verantwortung für unsere Kinder zu tragen. Auch die Väter waren immer willkommen, sodass der Kontakt zum anderen Elternteil regelmäßig möglich war. Zum Glück war die Klinik nicht sehr weit von meinem Wohnort entfernt, sodass der Vater und auch die Großeltern meinen Sohn besuchen konnten.

Nach 8 Monaten war die stationäre Therapie abgeschlossen. Ich hatte große Angst, hinterher in ein Loch zu fallen. Über Jahre war mein Leben von der Sucht bestimmt, dann von der Therapie ausgefüllt. Wie sollte ich jetzt mit dem Kind allein zurechtkommen? Das Angebot, vorübergehend in eine betreute Wohngemeinschaft zu ziehen und eine ambulante Anschlusstherapie zu machen, nahm ich gern an. Es bedeutete zwar einen Umzug in eine andere Stadt, aber ich sah den Vorteil, hier noch einmal von Neuem beginnen zu können. Ich hoffte, so nicht wieder mit der Drogen-Szene in Kontakt zu kommen.



Die ambulante Therapie in der Tagesklinik begann, nachdem mein Sohn einen Kindergartenplatz in einem Projekt für Kinder suchterfahrener Eltern bekommen hatte. Ich konnte ihn dort jeden Tag hinbringen und erlebte, wie er dort gut mit anderen Kindern spielte und sich wohl fühlte. Er ist ein aufgewecktes Kind und bringt mich ab und zu an meine Grenzen. Jetzt kann ich mich mit anderen drogenerfahrenen Müttern unterhalten, habe aber auch Kontakt zu den anderen Müttern und schiebe nicht alle Schwierigkeiten mit dem Kind auf meine Geschichte. Dennoch habe ich Angst, bei Erziehungsproblemen Unterstützung vom Jugendamt zu beantragen. Was, wenn sie von meiner langen Drogenkarriere erfahren? Würden sie mir die Erziehung des Kindes zutrauen? Bekäme ich die gleiche Hilfe wie andere Eltern? Bisher bespreche ich die Probleme mit Freundinnen und meiner Therapeutin, die ich auch nach Abschluss der Tagesklinikzeit noch wöchentlich besuche.

Es geht mir inzwischen gut, ich bin seit 3 Jahren clean, aber bei kleinen Krisen falle ich schnell in ein Loch und die Rückfallgefahr ist nicht wegzureden. Wenn es mir schlecht geht, nutze ich das Angebot der stationären Klinik, im Notfall jederzeit hinkommen zu können. Das habe ich bereits zweimal mit meinem Sohn gemacht und mich jedesmal innerhalb kurzer Zeit wieder stabilisiert. Ich genieße die Situation von vertrauter Umgebung und auch mein Kind fühlt sich dort immer noch wie Zuhause. Ich weiß nicht, was ich ohne diese Möglichkeit gemacht hätte. Sicherlich könnte mir eine Elternassistenz in so einer Situation weiterhelfen, die ich ohne lange Antragsverfahren rufen könnte. Sie müsste mich und mein Kind kennen, damit er sich nicht erst in Krisenzeiten an fremde Menschen gewöhnen muss. So könnte ich ihn bei der Assistenz unterbringen und selbst zu Therapien gehen. Vor allem, als er noch klein war und keinen Betreuungsplatz hatte, wäre so eine Assistenz sehr hilfreich gewesen.

Hilfreich fand ich in all der Zeit jene Menschen, die mir die Erziehung meines Kindes zugetraut haben, auch wenn sie wussten, dass es wohl nur mit Unterstützung gehen wird. Sie haben mir geholfen, diese Unterstützung zu organisieren. Dazu war ich nicht immer allein in der Lage oder habe es aus Angst, am Ende ohne mein Kind da zu stehen, nicht versucht. Diese Angst verhindert aus meiner Sicht oft den Schritt, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich selbst hätte wohl ohne die Möglichkeit, mit Kind in die Klinik zu gehen, keinen Entzug gemacht. Ich bin mir auch sicher, dass ich dann wohl heute nicht mehr mit meinem Sohn zusammenleben würde. Dabei ist er eine wesentliche Motivation, in Krisenzeiten Hilfen statt Drogen zu suchen.


(Aufgeschrieben von Kerstin Blochberger)



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aktualisiert:
  am  Sonntag, 05.02.2006, 08.37

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