Netzwerk behinderter Frauen Berlin e.V.

Aufklärungskampagne "Recht auf Elternassistenz"


Ein Interview

mit Marlies Fischer, nach Schlaganfall Rollstuhlfahrerin, Mutter von 4 Kindern

(Name von der Redaktion geändert)

Nach der Geburt meines 4. Kindes hatte ich 2003 einen Schlaganfall und Hirninfarkte. Danach lag ich einige Zeit im Koma. Als ich aufwachte, nahm ich meine Umwelt wie durch einen Nebelschleier wahr, ich war rechtsseitig gelähmt und konnte über Wochen und Monate viele Alltagshandlungen nicht oder nicht allein bewältigen. Allein essen, reden, mich anziehen oder gehen war am Anfang nicht möglich. Zu diesem Zeitpunkt waren die Kinder 3 Monate sowie 2, 4 und 14 Jahre alt. Vor dem Schlaganfall hatte ich bei einer Freundin gewohnt, da mein Mann und ich uns getrennt hatten. Die Kinder waren die ersten Wochen bei meiner Freundin, die sie versorgt hat.

Die veränderten Lebensumstände machten mich sehr traurig, da ich mich nicht um meine Kinder kümmern konnte. Mit dieser Situation musste ich mich erst einmal psychisch auseinandersetzen. Ich musste lernen, meine neuen Lebensumstände zu akzeptieren. In der Zeit ist mir aufgefallen, wie wichtig mir meine Kinder sind. Durch sie bin ich stark, das Leben zu meistern. Beruflich hatte ich immer viel mit Kindern zu tun. Nun konnte ich noch nicht einmal für meine eigenen Kinder sorgen.

Damit ich mich wieder um sie kümmern konnte, begann ich mit großen Anstrengungen die Rehabilitation, sowohl stationär als auch ambulant. Ich lernte, mich mit einer ABC-Tafel zu verständigen. Nach fast einem Jahr konnte ich wieder so reden, dass auch fremde Menschen mich mit etwas Konzentration verstehen konnten. Heute rede ich wieder, kann telefonieren und brauche nur noch für wenige Handlungen Hilfe, die ich mir mit einem Pflegedienst organisiere. Aber für viele Dinge brauche ich einfach mehr Zeit als vor dem Schlaganfall. Am Wochenende, wenn ich nicht zur Arbeit gehe, versorge ich mich allein und koche mir mein Essen selbst. Für die Kommunikation mit den Ämtern und Behörden habe ich inzwischen Hilfe durch einen Mitarbeiter vom Betreuten Wohnen.

Nach dem Schlaganfall war mein Rehabilitationsverlauf nicht absehbar. Meine Mutter konnte die Kinder nicht versorgen, meiner Freundin traute man diese Aufgabe nicht zu, wohl weil sie selbst bereits mehrere Kinder erzog. Mit dem Vorschlag, die Kinder zu einer Pflegefamilie zu geben, war ich selbst nicht einverstanden, konnte mich im damaligen Zustand aber nur bedingt für eine andere Lösung einsetzen. Nicht allein meine eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit machte es mir schwer, auch die psychischen Folgen des Schlaganfalls schränkten mich sehr ein. Stimmungsschwankungen und kaum zu kontrollierende Gefühlsausbrüche sind nach so einem Ereignis nach Aussagen meiner Ärztin durchaus nicht selten und machten mir selbst und meinen Mitmenschen den Alltag schwer.

Im ersten Jahr nach meinem Schlaganfall habe ich meine jüngeren Kinder nur 1-4 mal gesehen. Die ältere Tochter sah ich regelmäßig bei Besuchen in der Klinik. So sehr ich mich auf jede Begegnung freute, konfrontierten mich diese Augenblicke auch noch stärker mit der Tatsache, dass ich meiner Verantwortung für die Kinder nicht gerecht werden konnte. So kam es auch bei Besuchen der Kinder oder bei Hilfeplangesprächen immer wieder dazu, dass ich die Traurigkeit nicht zurückhalten konnte und geweint habe. Dies war der Grund, dass mir im Jahr 2004 für mehrere Monate der Umgang mit den jüngeren Kindern mit der Begründung der Kindeswohlgefährdung untersagt wurde.

Ich habe daraufhin die mir nahegelegten Therapiesitzungen bei einem Kinder- und Jugendpsychiater (obwohl ich inzwischen weit über 30 Jahre alt bin) wahrgenommen und bin schon seit geraumer Zeit viel besser in der Lage, meine Gefühle zu steuern. Auch die Rehabilitation ist vorangeschritten, seit 2005 arbeite ich wieder 30 Stunden pro Woche. Die Traurigkeit hat sich inzwischen in Enttäuschung und Wut verwandelt, weil ich meine jüngeren Kinder nun schon seit über einem Jahren nicht sehen durfte und auch keinerlei Telefonate erlaubt wurden. Lediglich über den Vormund der Kinder darf ich Briefe und Geschenke schicken, ein Video von mir wurde für ausreichend erachtet, den Kindern zu zeigen, wer ihre Mutter ist, und wie es ihr geht. Die Aussetzung des Umgangsrechts ist in keinem weiteren Gespräch zurückgenommen worden, überhaupt habe ich nur wenig Kontakt zu dem Jugendamt.

Die Kinder leben jetzt seit über 2 Jahren in der Pflegefamilie, zu der ich keinen Kontakt pflegen darf, weil die Pflegemutter sich dadurch gestört fühlt und die Entwicklung der Kinder gefährdet sieht. In dieser Zeit haben die Ansprechpartner im Jugendamt mehrfach gewechselt, der seit letztem Jahr zuständige Vormund vom Jugendamt wurde mir nicht namentlich genannt. Nach einem Versuch meinerseits, vor Weihnachten 2005 Geschenke an die Kinder zu übergeben, wurde mir ein Mitarbeiter genannt, der aber keine Zeit für mich hatte. Im Januar 2006 sagte dieser Mitarbeiter dann, er sei gar nicht zuständig. Zur Zeit versuche ich erneut, die zuständige Person im Jugendamt ausfindig zu machen.

Nachdem ich die ersten Monate geglaubt habe, durch Therapie und Ruhighalten meine Chancen zu erhöhen, die Kinder wiederzusehen, glaube ich nun, dass das nicht richtig war. Ich werde jetzt beim Familiengericht beantragen, dass ich das Umgangsrecht mit meinen Kindern wahrnehmen darf.

Ich habe auch darüber nachgedacht, wie es wohl meinen Kindern ginge, wenn sie bei mir wohnen würden. Abgesehen davon, dass zumindest die jüngsten Kinder mich zur Zeit als fremde Person ansehen dürften und eine lange Gewöhnung nötig wäre. Ich brauche zirka 30 bis 35 Stunden Assistenz pro Woche für die Kinder, die rund 1.800 Euro im Monat kosten würde, da das Personal keine Qualifikation bräuchte. Momentan bezahlt das Jugendamt nicht nur die Pflegegelder für 3 Kinder, sondern darüber hinaus Haushaltshilfe und Heimkosten für die älteste Tochter. Mit diesem Geld könnte ich meine Kinder sicherlich gut mit Hilfe von Elternassistenz versorgen.


(Aufgeschrieben von Kerstin Blochberger)

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aktualisiert:
  am  Sonntag, 05.02.2006, 08.27

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