Netzwerk behinderter Frauen Berlin e.V.

Aufklärungskampagne "Recht auf Elternassistenz"


Ein Interview

Ehepaar Mayer, spastisch gelähmte Eltern einer 3-jährigen Tochter


Ein hübsches Dorf in Brandenburg, eine neue Reihenhaussiedlung. Bei Familie Mayer (Name von der Redaktion geändert) steht ein Dreirad vor der Tür, hinten im Garten ein Sandkasten, ein Wasserbecken, Spielzeug. Man sieht: Ein Kind ist im Haus. Was man nicht sieht: Die Eltern leben von Geburt an mit einer spastischen Tetraplegie. Frau Mayer machen besonders die Beine Probleme, Herrn Mayer ein Arm und die Hände. "Das passt doch wunderbar, finden Sie nicht?", fragt Frau Mayer, und lacht. Die beiden ergänzen einander auch ansonsten sehr gut. Sie hat einen Kuchen gebacken und Kaffee gekocht, er legt die dreijährige Rosa in der oberen Etage zum Mittagsschlaf. Mayers sind Anfang Vierzig und voll positiver Energie: Kind, Berufstätigkeit - sie ist Angestellte im öffentlichen Dienst, er Journalist bei einer Tageszeitung - und eine Ost-West-Beziehung. Sie kommt nämlich aus Süddeutschland, er aus Brandenburg. Zwei Jahre sind sie zwischen den weit entfernten Wohnorten gependelt, ehe sie zusammenzogen.

Die Schwangerschaft verlief problemlos, ab dann war viel Improvisations- und Organisationstalent gefragt. Frau Mayer konnte ihr Kind zwar nicht tragen, aber das Wickeln bereitete ihr keine Schwierigkeiten. Dafür nutzte sie den dafür angeschafften Tisch nur, wenn noch jemand dabei war, weil sie Angst hatte, die Kleine könnte zu Boden fallen. Meistens indes wickelte sie Rosa auf dem Sofa. Im Erdgeschoss gab es einen Stubenwagen, mit dem sie das Kind bewegen konnte, und ein Reisebett, um es tagsüber sicher unterzubringen. "Und als sie dafür zu groß war", erzählt Frau Mayer, "habe ich sie auf eine Decke gelegt und gezogen."
Herr Mayer trug Rosa abends in die erste Etage, damit sie über Nacht nahe dem elterlichen Schlafzimmer war, und morgens herunter. Wenn es außerdem nötig wurde, bat Frau Mayer einen Nachbarn, das Kind innerhalb des Hauses zu befördern. Und als wollte es Rosa ihren Eltern leicht machen, begann sie bereits mit zehn Monaten zu laufen.
Nach dem Erziehungsurlaub ist Frau Mayer wieder in ihren Beruf zurückgekehrt und arbeitet 30 Stunden pro Woche. Da ihr Mann später aus dem Haus muss, bringt er Rosa morgens in den wenige Meter entfernten Kindergarten, seine Frau holt sie nachmittags ab.

"Unsere Haushaltshilfe", berichtet Frau Mayer, "eistet die wichtigste Unterstützung. Während der Schwangerschaft und vier Wochen nach der Geburt wurde sie durch die Krankenkasse bezahlt." Die Dame wohnt ganz in der Nähe und kann auch, wenn sich im Terminplan der Eltern etwas ändert, Rosa kurzfristig vom Kindergarten abholen. "Inzwischen bezahlen wir sie aus eigener Tasche", sagt Herr Mayer: "Klar können wir unseren Haushalt selbst schmeißen, aber wir brauchen dafür mehr Zeit und mehr Kraft als Menschen ohne Behinderung. Und dann käme das Kind zu kurz."

Professionelle Elternassistenz versuchten sie zu erhalten, als Rosa 18 Monate alt war: "Sie hatte gerade ihre Räumphase und stellte die Wohnung täglich mehrfach auf den Kopf! Irgendwann war ich zu erschöpft, um für Ordnung zu sorgen", erinnert sich Frau Mayer. "Da wäre eine Assistenz toll gewesen, die hätte das in kaum einer Stunde geschafft." Doch nach einigen Besuchen beim Jugendamt mussten sie begreifen, dass nicht viel zu erwarten wäre. "Stellen Sie mal einen Antrag", empfahl man ihnen. Aussagen zur Bearbeitungszeit und eine mögliche Aussicht auf Erfolg fehlten gänzlich. Ein weiterer Vorstoß bei der Arbeiterwohlfahrt und einem zweiten Verein verliefen ähnlich unerfreulich - "eine Absage kam nach über einem Jahr", so Herr Mayer, "da benötigten wir diese Hilfe schon nicht mehr!"

Dabei wäre ihnen, ergänzt Frau Mayer, "mit ein wenig praktischer Unterstützung, vielleicht zweimal einen halben Nachmittag pro Woche", viel geholfen: Zum Beispiel als Begleitung auf dem Spielplatz, wohin sie nicht allein mit ihrer Tochter gehen will, da sie ihr, in brenzligen Situationen etwa auf dem Klettergerüst, nicht helfen kann, oder im Schwimmbad, wo sie ähnliche Probleme befürchtet.
Für den Alltag haben Mayers andere Strategien entwickelt, um Gefahren zu vermeiden. "Natürlich läuft Rosa auf der Straße manchmal ein Stück weg", berichtet Herr Mayer", "aber wenn wir ’Stopp’ rufen, hält sie sofort inne, weil sie weiß, dass jetzt Gefahr im Verzug ist. Das klappt wirklich ausgezeichnet."
Eigentlich ist alles bestens organisiert, fasst Frau Mayer zusammen. Bloß wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, entstehen gleich gewaltige Probleme. Und da wäre eine kurzfristige und schnelle Assistenz äußerst effizient. Zum Beispiel, als ihr Mann im Urlaub durch eine Wundinfektion hohes Fieber bekam und über drei Wochen im Krankenhaus war. "Kind, Arbeit, Krankenbesuche - wie sollte ich das unter einen Hut bringen? Zumal Rosa dann obendrein Scharlach bekam… Also konnte sie nicht in den Kindergarten und die Nachbarn wagten sich aus Angst, dass sich ihre Kinder anstecken würden, nur bis zur Türschwelle. Und ich hatte noch keinen Führerschein! Da wurde selbst das Einkaufen zum Problem!"

"Solche Schwierigkeiten", sagt Herr Mayer, "muss man erst einmal bewältigen! Das ist auch für eine gute Ehe eine sehr schwere Zeit - trotz all der schönen Stunden, die man mit einem Kind hat."

(Aufgeschrieben von Irene Bazinger)


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  am  Donnerstag, 03.11.2005, 05.11

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