Netzwerk behinderter Frauen Berlin e.V.

Aufklärungskampagne "Recht auf Elternassistenz"


Ein Interview

Petra Stricker, gehbehinderte Mutter von zwei Söhnen

Mein Name ist Petra Stricker (Name von der Redaktion geändert), ich lebe mit meinen beiden Söhnen und meinem Mann in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Stadt. Wir brauchen dringend eine größere Wohnung, finden aber keine. Auf dem Land gibt es zwar günstigeren Wohnraum, aber ich wage es nicht, die Großstadt zu verlassen, denn man sieht meinen Kindern die nicht-deutsche Abstammung an. Meine beiden Söhne, 15 und zwei Jahre alt, haben verschiedene Väter. Der Vater des Älteren stammt aus der Karibik, der Vater des Jüngeren ist mein jetziger Mann und kommt aus Afrika.

Vor 20 Jahren wurde bei mir die Diagnose "Multiple Sklerose" gestellt. Jetzt bin ich 47 Jahre alt und habe Probleme beim Laufen. Manchmal gehe ich mit einem Stock, gerne halte ich mich am Kinderwagen fest. Aufgrund meiner Krankheit bin ich außerdem schnell erschöpft, und ich kann kaum noch anstrengende Arbeiten erledigen. Mein Mann verdient nicht viel, deshalb arbeitet er auf mehreren Arbeitsstellen sechs Tage in der Woche, so dass er mich nur selten entlasten kann.

Ich bin gelernte Fremdspachenkorrespondentin, arbeite aber seit zehn Jahren nicht mehr, weil mir die Arbeit zu anstrengend wurde. Jetzt betreue ich manchmal einen alten Mann, erledige für ihn den Haushalt und Bürokram, aber das übersteigt inzwischen auch meine Kräfte.

Mein Problem ist, dass ich nicht hinter meinem kleinen Sohn herlaufen kann, wenn er wegrennt. Ich kann auch nicht mit ihm auf Bäume klettern. Jetzt geht die Tochter einer Freundin zweimal pro Woche mit meinem Sohn raus und spielt mit ihm. Dafür bezahle ich etwa 30 Euro wöchentlich. Das Geld müssen wir selber aufbringen, denn wir bekommen keinen Zuschuss. Jugend- und Sozialamt springen schon allein deswegen nicht ein, weil ich noch Eigenmittel habe. Ich habe 100.000 Euro geerbt, davon sind noch 50.000 Euro übrig. Trotzdem leben wir am Existenzminimum, denn wir wollen nicht alles verbrauchen.

Die Unterstützung, die ich wirklich benötige, sähe so aus: Ich wünsche mir eine Assistenzkraft, die viermal pro Woche für vier Stunden kommt und mit meinem Sohn alle die Aktivitäten unternimmt, die ich nicht mit ihm machen kann. Und diese Assistenzkraft müsste einkommensunabhängig aus öffentlichen Mitteln finanziert werden.

(Aufgeschrieben von Sigrid Arnade)

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aktualisiert:
  am  Dienstag, 15.11.2005, 18.06

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