Netzwerk behinderter Frauen Berlin e.V.

Aufklärungskampagne "Recht auf Elternassistenz"


Ein Interview

mit Hildegard Dörr, Rechtsanwältin eines werdenden Elternpaares mit Lernbehinderung

Während sich andere Eltern auf ihr kommendes Baby freuen, hat ein im baden-württembergischen Hohenlohe lebende Paar Angst vor dem Geburtstermin, der auf Anfang Februar 2006 berechnet wurde. Beide Elternteile leben mit einer Lernbehinderung, die werdende Mutter ist außerdem kleinwüchsig. Eine Betreuerin und ein Betreuer unterstützen die Verlobten, die Hochzeitspläne schmieden, in der Lebensführung.

Als sich der Nachwuchs ankündigte, wandten sich die beiden an das Hohenloher Jugendamt im Vertrauen darauf, dort Unterstützung zu finden. Doch das wertet die werdende Mutter heute als Fehler, denn die Behörde droht mit Hinweis auf das Kindeswohl damit, das Neugeborene nach der Geburt den Eltern wegzunehmen. Man wolle ihr keine Chance lassen, zu beweisen, dass sie und der Kindesvater ihr Kind mit der entsprechenden Unterstützung selbst aufziehen könnten.

Dabei sind Vater und Mutter zum Wohle des erwarteten Nachwuchses bereit, ihr soziales Umfeld zu verlassen und in eine Einrichtung ins nordrhein-westfälische Wesel zu ziehen, in dem behinderte Eltern und ihre Kinder die notwendige Hilfe und Unterstützung bekommen.

Rechtsanwältin Dörr kann nicht nachvollziehen, warum das Kind nicht bei seinen leiblichen Eltern bleiben soll. "Ganz ohne Hilfe wird es nicht gehen. Doch diese Hilfe wäre in Wesel gewährleistet". Sie wertet es als sehr einsichtig und verantwortungsbewusst, dass die künftigen Eltern aus eigenem Antrieb den Kontakt zum Jugendamt suchten, als sie von der Schwangerschaft erfuhren. "Damit und durch die Bereitschaft, in eine Einrichtung weit von zuhause entfernt zu ziehen, zeigen die Eltern, wie wichtig ihnen das Kindeswohl ist". Eine endgültige Entscheidung will das Jugendamt erst nach der Geburt treffen. "Zu spät, denn dann muss sofort eine Lösung parat sein, damit Eltern und Kind in eine sichere Versorgungssituation kommen", so die Anwältin.

Sie vermutet, dass lediglich die Kosten für eventuelle Entscheidungen maßgebend sind, da die Versorgung in der Einrichtung kostenintensiver ist als die Unterbringung des Kindes in einer Pflegefamilie. "Andere nachvollziehbare Gründe sehe ich hier nicht. Und nur aus fiskalischen Gründen, kann man eine Familie, die ja nach dem Grundgesetz unter dem besonderem Schutz des Staates steht, nicht einfach auseinander reißen", so Dörr.

(Aufgeschrieben von Elke Bartz)


Und so ging es weiter: Nachbericht aus INFORUM 2/2006:

Ein Elternpaar aus dem Hohenlohekreis darf sein Baby gegen den Willen des Jugendamtes unter Auflagen behalten. Das berichtet heute (09.02.2006) die Hohenloher Zeitung. Das Jugendamt wollte veranlassen, dass dem Elternpaar das Neugeborene gleich nach der Geburt entzogen und in eine Pflegefamilie gegeben wird.

Noch am 1. Februar, dem Tag der Geburt des kleinen Jungen, erwirkte das Hohenloher Jugendamt per einstweiliger Verfügung vor dem Familiengericht, den Eltern das Baby wegzunehmen. Angeblich würde wegen der Schwere der Behinderungen der Eltern "akute Lebensgefahr" für das Kind bestehen. Das Gericht stützte sich zunächst ausschließlich auf die Angaben des Jugendamtes.

Es revidierte jedoch bei einer Anhörung seine Meinung. Das Baby darf unter diversen Auflagen - zumindest zunächst - bei seinen Eltern bleiben. Dazu zählt unter anderem, dass die Mutter des Babys mit dem Kind zur eigenen Pflegemutter zieht und den Aufenthaltsort nicht verlässt. Vom Gericht wurde als positiv gewertet, dass das Elternpaar frühzeitig eingesehen hatte, sein Kind nicht ohne Unterstützung Dritter aufziehen zu können und sich deshalb mit der Bitte um Unterstützung von sich aus an das Jugendamt gewendet hatte.

Dem Jugendamt wurde hingegen angelastet, außer dem Vorschlag Pflegefamilie keine weiteren Alternativen in Erwägung gezogen zu haben. Die Behörde wertet die Entscheidung des Gerichtes als fachlich falsch und will weitere rechtliche Schritte prüfen.

Nachtrag: Wie ForseA bekannt wurde, hat das Gericht im weiteren Verfahren den Eltern das Recht auf ihr Kind zugesprochen. Details sind uns (noch) nicht bekannt.

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aktualisiert:
  am  Freitag, 25.08.2006, 16.48

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